IT-Infrastrukturanalyse
IT-Infrastrukturanalyse: Was dabei wirklich geprüft wird
Wenn alles läuft, ist trotzdem nicht automatisch alles in Ordnung
Die Computer funktionieren, der Server ist erreichbar, die Produktion arbeitet und größere IT-Ausfälle gab es in den vergangenen Jahren nicht. Aus Sicht eines Geschäftsführers gibt es unter diesen Umständen zunächst wenig Anlass, die vorhandene Infrastruktur grundsätzlich infrage zu stellen.
Das ist nachvollziehbar, denn viele technische Schwachstellen sind im normalen Betrieb überhaupt nicht sichtbar. Ein Server kann jahrelang zuverlässig laufen, obwohl sein Ausfall große Teile des Unternehmens stilllegen würde. Eine Datensicherung kann jeden Morgen eine Erfolgsmeldung liefern, ohne dass jemals geprüft wurde, ob sich daraus ein vollständiges System wiederherstellen lässt. Ein alter Produktionsrechner kann zuverlässig arbeiten und gleichzeitig wesentlich mehr Netzwerkzugriff besitzen, als für seine Aufgabe erforderlich wäre.
Eine IT-Infrastrukturanalyse setzt deshalb nicht erst dort an, wo bereits etwas kaputt ist. Sie untersucht, wie die vorhandene Umgebung tatsächlich aufgebaut ist, welche Abhängigkeiten bestehen und welche Probleme für das Unternehmen entstehen könnten, wenn eine einzelne Komponente, ein Zugang oder ein organisatorischer Ablauf nicht mehr funktioniert.
Das Ziel ist dabei nicht, möglichst viele technische Mängel zu finden. Am Ende muss erkennbar sein, welche Punkte für den Betrieb tatsächlich relevant sind und wo eine Veränderung sinnvoll wäre.
Am Anfang steht der tatsächliche Bestand
Bevor sich eine IT-Infrastruktur sinnvoll bewerten lässt, muss zunächst bekannt sein, was überhaupt vorhanden ist. Gerade in kleineren und über Jahre gewachsenen Unternehmen ist diese Frage oft schwieriger zu beantworten, als sie zunächst klingt.
Neben Arbeitsplatzrechnern und Servern gehören dazu beispielsweise Firewalls, Router, Switches, WLAN-Zugangspunkte, Datenspeicher, Telefonanlagen, Drucker, Kameras und andere vernetzte Geräte. In Produktionsunternehmen kommen Maschinensteuerungen, Industrie-PCs, Messsysteme und spezielle Geräte hinzu, die möglicherweise seit vielen Jahren unverändert betrieben werden.
Eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Geräte ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der Analyse. Dabei reicht es nicht, lediglich Hersteller, Modell und IP-Adresse in eine Tabelle einzutragen. Entscheidend ist vor allem, welche Aufgabe ein System erfüllt, wo es sich befindet und welche anderen Systeme davon abhängen.
Ein unscheinbarer alter Rechner kann beispielsweise wesentlich wichtiger sein als ein moderner Server, wenn über ihn eine zentrale Produktionsmaschine gesteuert wird.
Genau diese Zusammenhänge lassen sich aus einer reinen Inventarliste nicht ablesen.
Netzwerk und Verbindungen zeigen viele versteckte Abhängigkeiten
Der nächste wichtige Bereich ist das Netzwerk. Dabei interessiert nicht nur, ob alle Geräte miteinander verbunden sind, sondern ob die vorhandenen Verbindungen sinnvoll strukturiert und nachvollziehbar sind.
In vielen Unternehmen befinden sich Bürorechner, Produktion, Drucker, Kameras und weitere Geräte in einem gemeinsamen Netzwerk. Das funktioniert technisch, erlaubt aber möglicherweise Verbindungen, die für den eigentlichen Geschäftsbetrieb überhaupt nicht benötigt werden.
Eine Infrastrukturanalyse betrachtet deshalb, welche Netzwerkbereiche vorhanden sind, welche Geräte miteinander kommunizieren können und ob besonders alte oder schwer kontrollierbare Systeme ausreichend vom restlichen Unternehmen getrennt sind.
Eine sinnvolle Netzwerksegmentierung kann beispielsweise dafür sorgen, dass ein alter Produktionsrechner genau den Server erreicht, den er für seine Aufgabe benötigt, ohne gleichzeitig Zugriff auf sämtliche Büroarbeitsplätze oder andere Unternehmenssysteme zu erhalten.
Ebenso wichtig ist die physische Struktur. Welche Switches sind zentral, welche Leitungen verbinden Gebäudeteile und gibt es einzelne Komponenten, deren Ausfall ganze Bereiche abschneiden würde?
Eine technische Verbindung ist dabei immer auch aus Sicht des Betriebs zu betrachten. Wenn der einzige Switch in einer Produktionshalle ausfällt und dadurch zehn Maschinen ihre Verbindung verlieren, ist seine Bedeutung eine völlig andere als die eines kleinen Switches an einem einzelnen Büroarbeitsplatz.
Server werden nach ihrer Bedeutung beurteilt, nicht nach ihrem Alter
Das Alter eines Servers ist für sich genommen noch keine ausreichende Begründung für einen Austausch. Ein älteres System kann zuverlässig arbeiten und für seinen Zweck weiterhin vollkommen ausreichend sein.
Wichtiger sind andere Fragen.
Welche Dienste laufen darauf? Welche Geschäftsprozesse hängen davon ab? Gibt es eine geeignete Datensicherung? Wie schnell ließe sich das System nach einem Defekt wiederherstellen, und ist passende Ersatzhardware verfügbar?
Besonders interessant ist die Frage, ob mehrere vermeintlich getrennte Systeme in Wirklichkeit von derselben physischen Hardware abhängig sind. Mehrere virtuelle Server können beispielsweise auf einem einzigen Host laufen und gemeinsam ausfallen, wenn dessen Hardware versagt.
Die Abhängigkeit von einzelnen Servern oder anderen zentralen Komponenten muss deshalb aus Sicht des gesamten Systems betrachtet werden.
Eine Analyse soll dabei nicht automatisch zum Ergebnis kommen, dass alles redundant aufgebaut werden muss. Gerade in kleinen Unternehmen wäre das häufig unnötig teuer. Sie soll vielmehr zeigen, welche Ausfallzeit realistisch zu erwarten ist und ob diese Ausfallzeit für das Unternehmen akzeptabel wäre.
Datensicherung wird bis zur Wiederherstellung betrachtet
Bei der Datensicherung interessiert zunächst, welche Systeme überhaupt gesichert werden, wie häufig dies geschieht und wo die Sicherungen gespeichert sind. Darüber hinaus ist wichtig, wie lange ältere Versionen aufbewahrt werden und ob mindestens eine Kopie einen größeren Schaden am eigenen Standort überstehen kann.
Ein Backup auf einem NAS direkt neben dem Server ist beispielsweise sehr hilfreich bei einem Defekt des Servers, schützt aber nur begrenzt vor einem Brand, Wasserschaden oder Einbruch.
Deshalb gehört auch eine räumlich getrennte Sicherung in die Betrachtung.
Noch wichtiger ist allerdings die praktische Wiederherstellung. Eine Sicherung ist erst dann wirklich belastbar, wenn bekannt ist, dass die Daten zurückgeholt werden können und wie lange dieser Vorgang dauert.
Bei einer Wiederherstellungsprüfung können außerdem Probleme sichtbar werden, die im täglichen Sicherungslauf unbemerkt bleiben, beispielsweise fehlende Lizenzinformationen, nicht gesicherte Datenbanken oder eine Wiederherstellungszeit, die deutlich länger ausfällt als erwartet.
Für die Geschäftsführung ist deshalb weniger interessant, welche Backup-Software verwendet wird. Relevant ist, ob das Unternehmen nach einem echten Ausfall innerhalb einer vertretbaren Zeit wieder arbeitsfähig wäre.
Benutzer, Administratoren und externe Zugänge gehören ebenfalls zur Infrastruktur
Eine IT-Infrastrukturanalyse beschränkt sich nicht auf Hardware und Netzwerkgeräte. Berechtigungen und Zugänge bestimmen wesentlich mit, wie sicher und beherrschbar eine Umgebung ist.
Dabei wird beispielsweise betrachtet, wer Administratorrechte besitzt, ob Mitarbeiter mit getrennten administrativen Konten arbeiten und ob noch Zugänge von ehemaligen Mitarbeitern oder früheren Dienstleistern vorhanden sind.
Auch externe Fernwartung spielt eine wichtige Rolle. Gerade in Produktionsunternehmen können Maschinenhersteller, Softwarehäuser oder andere technische Partner Zugriff auf einzelne Systeme besitzen.
Diese Zugänge sind häufig notwendig, sollten aber bekannt und kontrollierbar sein.
Ein sauberes Konzept für Administratorrechte reduziert die Folgen eines kompromittierten Kontos und sorgt gleichzeitig dafür, dass nachvollziehbar bleibt, wer welche Systeme verwalten darf.
Auch hier geht es nicht darum, möglichst viele Berechtigungen zu entfernen. Der Betrieb muss weiterhin funktionieren. Entscheidend ist, dass Rechte bewusst vergeben werden und nicht allein deshalb bestehen bleiben, weil sie irgendwann einmal eingerichtet wurden.
Die Dokumentation zeigt, wie unabhängig das Unternehmen wirklich ist
Ein technisch gut funktionierendes System kann trotzdem problematisch sein, wenn wichtige Informationen nur bei einer einzelnen Person vorhanden sind.
Deshalb gehört die IT-Dokumentation unmittelbar zur Infrastrukturanalyse.
Kann ein anderer qualifizierter Techniker erkennen, welche Server vorhanden sind, wie das Netzwerk aufgebaut ist und wo administrative Zugänge liegen? Ist nachvollziehbar, wie die Datensicherung funktioniert und welche Produktionssysteme besondere Anforderungen haben?
Besonders wichtig ist die Frage, ob zentrale Zugangsdaten und Konten tatsächlich unter der Kontrolle des Unternehmens stehen.
Wenn beispielsweise Domain, Firewall oder Microsoft-365-Administration ausschließlich über Konten eines externen Dienstleisters erreichbar sind, besteht eine organisatorische Abhängigkeit, selbst wenn technisch alles einwandfrei funktioniert.
Eine gute Dokumentation muss dabei nicht jedes Detail erfassen. Sie soll das Unternehmen in die Lage versetzen, seine eigene Infrastruktur zu verstehen und im Bedarfsfall auch mit einem anderen Fachmann weiterarbeiten zu können.
Der Blick vor Ort ergänzt technische Werkzeuge
Viele Informationen lassen sich automatisiert erfassen. Netzwerkgeräte können ausgelesen, Server analysiert und erreichbare Systeme erkannt werden. Solche Werkzeuge sind sehr hilfreich, weil sie einen umfangreichen technischen Überblick ermöglichen.
Sie sehen allerdings nicht alles.
Ein zusätzlich angeschlossener Switch unter einem Schreibtisch, ein Serverschrank voller Kartons, eine alte USV mit Warnanzeige oder ein Sicherungsmedium, das seit Monaten nicht gewechselt wurde, können technisch relevant sein, ohne dass eine zentrale Software darauf aufmerksam macht.
Deshalb gehört zu einer gründlichen Analyse auch der physische Blick auf die Umgebung.
Der Zustand des Serverraums, die Verkabelung, Produktionsarbeitsplätze und sichtbare Veränderungen in der Infrastruktur können Hinweise liefern, die aus einer rein entfernten Analyse nicht hervorgehen.
Gerade dieser Zusammenhang ist auch ein Grund dafür, warum IT-Betreuung nicht ausschließlich auf Abruf und per Fernwartung stattfinden sollte.
Am Ende braucht der Geschäftsführer keine technische Mängelliste
Eine Analyse, die zwanzig Seiten technische Auffälligkeiten aufzählt, aber nicht erklärt, welche davon für das Unternehmen wichtig sind, erfüllt ihren Zweck nur teilweise.
Das Ergebnis sollte deshalb immer bewertet und priorisiert werden.
Ein nicht getestetes Backup kann dringender sein als ein alter Switch. Ein ungeschützter Fernzugang kann sofortiges Handeln erfordern, während ein Server ohne Herstellergarantie möglicherweise problemlos noch weiterbetrieben werden kann, wenn Ersatz schnell verfügbar ist.
Andere Punkte können zwar technisch unschön sein, verursachen aber momentan kein relevantes Geschäftsrisiko.
Für die Geschäftsführung muss am Ende verständlich sein, was sofort angegangen werden sollte, welche Verbesserungen sinnvoll geplant werden können und welche bekannten Risiken zunächst akzeptabel sind.
Genau darin liegt der eigentliche Wert einer IT-Infrastrukturanalyse. Sie soll nicht beweisen, dass irgendwo technische Fehler existieren, sondern sichtbar machen, wo das Unternehmen von seiner IT abhängig ist und welche Maßnahmen diese Abhängigkeiten auf ein vernünftiges Maß reduzieren können.